Filmtipp: Saliya Kahawatte im ZDF – 37 Grad Portrait

Filmtipp: Saliya Kahawatte im ZDF 37 Grad Portrait

„Ich spiele jetzt seit fast 30 Jahren den Sehenden in der Welt der Sehenden und ich befürchte manchmal, dass mir diese Rolle schon in Fleisch und Blut übergegangen ist. Und ich mich eigentlich selber vergesse, dass ich eigentlich nicht sehen kann.“

Das Institut für Unschärfe empfiehlt die Dokumentation „Augen zu und Durch. Warum ich alles anders sehe”. In bewegender und aufschlussreicher Weise dokumentiert die Film-Autorin Anabel Münstermann den persönlichen Lebensweg des mit 15 Jahren nahezu erblindeten Saliya Kahawatte.

Das IfU empfiehlt die Dokumentation insbesondere, da sie sich nicht nur der Sehschwäche zuwendet und die visuelle Erfahrung von Kahawatte zu erfassen versucht, sondern darüber hinaus auch drei weiteren zentralen Fragen nachgeht:

  1. Wie verhalten und fühlen sich Menschen an der Schnittstelle zwischen „Behinderung“ und nicht „Behinderung?“
  2. Welchen Erwartungen und Reaktionen sehen sich Personen in den gesellschaftlichen Grenzbereichen auseinandergesetzt?
  3. Und welche Strategien wenden die Personen selbst an, um ihren Alltag zu gestalten (und möglichen Herausforderungen zu begegnen)?

1. Das Gefühl nicht entdeckt und entlarvt zu werden
Kahawatte erlebte einen abrupten Wechsel vom Sehenden hin zum Verlust der scharfen Sehkraft. Über einen langen Zeitraum lässt er sich als fast blinder nicht anmerken, dass er kaum etwas sieht. Obwohl es ein innerer Kampf war, hielt es ihn stark. Seine Motivation war die Erinnerung an einen blinden Barkeeper den er auf Reisen mit seinen Eltern gesehen hatte, als er noch sah, das hielt ihn stark und gab ihm die Kraft zu kämpfen. Ein kleines Netzwerk von „Mitwissern“ unterstützte ihn. Aufgrund gesundheitlicher Umstände brache er letztlich zusammen und lernte seine Behinderung nicht nur als zu kaschierende Schwäche, sondern in gewisser Weise auch als Stärke anzuerkennen.

2. Der Kampf gegen die Stigmatisierung
Kahawatte wollte nicht als Behinderter erkannt werden. Er wurde nicht erkannt. Selbst seine Chefin, für die er als Barkeeper arbeitete, bemerkte nichts. Als er erblindete hatte er keine andere Wahl Berufe auszuüben die für Nicht-Sehende geeignet sind bzw. sollte in einer Behindertenwerkstatt arbeiten. Diesen Stigmatisierungen wollte er entgegenwirken. Sein familiäres und privates Umfeld half ihm in den Anfängen. Mit akribischem Fleiß, zielgenauer Vorbereitung und zahlreicher maßgeblich über das Gehör und den Geruch ausgetragener Strategien, bewegte er sich selbstsicher in Jobs bis hin zu einer Führungspositionen. Dann kam der gesundheitliche Zusammenbruch mit Neuanfang. Diesmal nicht mehr mit Geheimnis. Dennoch mit den Konsequenzen, als „Behinderter“ zunächst nicht integriert zu werden, denn gerade als er sich zu seiner Behinderung bekannte bekam er keine Jobs mehr. Durch Selbständigkeit und die erneute Entwicklung einer eigenen Strategie fand er letztendlich einen neuen beruflichen Weg, diesmal als Unternehmensberater und Coach.

3. Virtuos, strategisch, selbstsicher, konzentriert und erschöpft.
„Wie aber schafft es jemand, der fast blind ist, als Barkeeper und Restaurantchef zu arbeiten ohne aufzufallen?“

Im Drehbericht zur Dokumentation auf der ZDF Website, schreibt die Autorin Ihre Antwort auf ihre eigene Frage:

Wie wir gelernt haben schafft Saliya das durch unbeschreiblichen Fleiß, ein fast fotografisches Gedächtnis und ein bisschen Magie“1

Die Dokumentation zeigt auch die Details: Durch akustische Erfahrung, z.B. darüber wie schmutzige und saubere Weingläser klingen, durch klare Ordnungssysteme der Flaschen, die er blind greifen kann; durch die physische Erfahrung und Erfassung der Räume; durch Gerüche und letztendlich durch vergangene Erfahrungen aus der Zeit vor dem Verlust der uneingeschränkten Sehfähigkeit, lassen Kahawatte den Alltag auf seine Weise meistern. Ausführlicher erläutert er diese Details in seinem Buch „Mein Blind Date mit dem Leben“.

Auch wenn anhand der Dokumentation drei Antworten sichtbar werden, so kann man diese nicht isoliert voneinander betrachten. Sie zeigen die gegenseitige Beeinflussung von Einzelperson und Gesellschaft. Sowohl das individuelle Verhältnis mit der eigenen Biografie als auch das Stigma der Gesellschaft bedingen sich gegenseitig. Die so genannte Inklusion liegt da möglicherweise in der Mitte. Die Dokumentation stößt diesen Gedanken an.

Zuletzt bleibt dann noch die Tatsache des unscharfen Sehens.

4. Verschwommen und Schemenhaft
Für Kahawatte findet das restliche Sehen, welches ihm geblieben ist, in einem Potpourri statt „der aus diesen Farbfeldern herausquillt“. Es ist eher so ein Farb-Brei, den ich durch drei Dicke Milchglasscheiben sehe“. In seiner Biografie macht er das schlechte Sehen selbst nicht zum Thema. Vielmehr handelt es davon, wie er sein Leben darum gestaltet und wie er damit in der Welt der Sehenden agieren kann. Mit seinem unternehmen MinusVisus schlägt er die Brücke, nicht nur durch den Namen, sondern auch durch die Services für Barrierefreiheit, welche er anbietet.

„Augen zu und durch.
Warum ich alles anders sehe“
Dokumentation, Deutschland, 2014
(Erstsendung: 21.01.2014)
Länge: 30 min.

Ein Film von: Anabel Münstermann
Kamera: Vita Spieß
Ton: Christopher Zahlten
Schnitt: Petra Scherer
Produktion: Franziska An der Gassen (Tellux)
Marlies Schwab (ZDF)
Redaktion: Brigitte Klos
Online-Redaktion: Uschi Hansen

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2070872/Augen-zu-und-durch

Literatur:
Kahawatte, Saliya: Mein Blind Date mit dem Leben. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2009. 208 S., 17,95 €.

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